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Unsichtbar und immer da - das Bezirksrettungskommando

Manchmal wandert ein nebliger Begriff durchs Haus: "der Stab." Gemeint ist damit das Bezirksrettungskommando Graz-Stadt, durchgesetzt hat sich aber (auch wegen der Kürze) die Bezeichnung als Stab. Für Außenstehende ist die Arbeit des Kommandos undurchsichtig bis unsichtbar, denn sie findet still im Hintergrund statt. Um das zu ändern, geben wir heute einen Einblick in den Aufgabenbereich des Stabs und zeigen, warum er für den Schutz der Grazer:innen unerlässlich ist.

23.07.2023 | Verfasst von S. Weiß

Das Bezirksrettungskommando Graz-Stadt im Juli 2023: Stephan Spelic, Peter Hoppenberger und Wolfgang Wild.
Das Kernteam der Bezirksrettungskommandos Graz-Stadt.

Der Stab - was ist das eigentlich?

"Bezirksrettungskommandant" steht auf dem Türschild auf der Rückseite des 1. Stocks der Bezirksstelle Graz-Stadt. "Das ist der Stab", wird dann erklärt. "Großambulanzen macht der zum Beispiel. Und hinten in dem stillen Gang ist der Stabsraum."

Dieses "hinten" trifft die Arbeit des Stabs ganz gut: seine Arbeit findet im Hintergrund statt, weit weg vom Alltagsgeschäft der freiwilligen und beruflichen Mitarbeiter:innen. Denn das Bezirksrettungskommando (bestehend aus dem Kommandanten, seinem Stellvertreter und dem Stab) plant für den Ernstfall, für Großunfälle und Katastrophen im Bezirk Graz-Stadt genauso wie für Ambulanzen bei lokalen Großveranstaltungen. Seine Aktivitäten mögen auf den ersten Blick fast unsichtbar erscheinen, aber für die Sicherheit der lokalen Bevölkerung sind sie ebenso wichtig wie für die Sicherheit der Einsatzkräfte – bei der Koordination von Einsatzzeiten, der Organisation von Verpflegung oder für den Überblick über die Einsatzstelle.

Was aber ist der Stab? Der Begriff bezeichnet aktuell 15 Mitarbeiter:innen in sieben Führungsgruppen, die den Bezirksrettungskommandanten und seinen Stellvertreter unterstützen und sicherstellen, dass ein Einsatz über die gesamte Dauer kompetent geführt wird. Die Stabsmitarbeiter:innen werden nicht alle bei jedem Großeinsatz des Kommandos sofort einberufen, sondern entsprechend des Eskalationsmodells je nach Schwere eingesetzt. Davon ausgenommen sind die drei Schlüsselfiguren des Kommandos, die bei allen Großeinsätzen sowie geplanten Großereignissen aktiv werden: der Bezirksrettungskommandant Peter Hoppenberger, sein Stellvertreter Stephan Spelic und Wolfgang Wild, der als Chef des Stabes die Schnittstelle zwischen den Stabsmitarbeiter:innen und dem Kommando bildet.

Notfälle und Katastrophen

Kommando bei Lagebesprechung
Im Stabsraum kann sich das Kommando schnell einen ersten Überblick verschaffen.

ST. PETER Explosion, Nähe Seveso-I, Verletzte unklar, BF, NEF+RTW+KDO

Die eingehende Einsatzinformation meldet eine Explosion in der Nähe eines gefahrstoffverarbeitenden Betriebs im Bezirk St. Peter. Die Lage ist unklar, aber nicht brisant gefährlich. Das Kommando wird einberufen und trifft Vorbereitungen, damit bei einer Veränderung der Situation eine schnelle Erhöhung der Eskalationsstufe durchgeführt werden kann.

„Wir als Rotes Kreuz sind vergleichsweise schnell verfügbar und wir sind stark präsent“, so beschreibt Peter Hoppenberger die besondere Rolle des Stabs im Katastrophenfall – bei der Koordinierung dieser ist der Stab nämlich unverzichtbar. Für eine zeitlich und örtlich begrenzte Katastrophe, etwa ein Erdbeben oder schweres Hochwasser, ist das Kommando inklusive Stab innerhalb von ein bis zwei Stunden vollständig im Einsatz und arbeitet mit den anderen Blaulichtorganisationen, lokalen Behörden und den Fachabteilungen des Katastrophenschutzes zusammen, um die Auswirkungen des Ereignisses so weit wie möglich zu mildern. „Wir sind aber nicht langfristig einsatzfähig.“ Dementsprechend werden bei Einsätzen über Wochen oder die anderen Organe des staatlichen Katastrophenschutzes aktiv, wie das Bundesheer im Flüchtlingseinsatz 2015.

Großambulanzen und Aufgabengebiete

Planung eines Ambulanzdiensts.
Vorbereitung und Erstellung eines Sicherheitskonzeptes.

Nicht jeder Einsatz ist ein Notfall: Großveranstaltungen wie Konzerte, Sportevents oder Feste werden beim Kommando oft schon Monate im Voraus angemeldet und dann sorgfältig vorbereitet, damit die Sicherheit von Teilnehmer:innen und Besucher:innen in allen Situationen – von erwartbar bis unplanbar – garantiert ist.

Herbst 2022. Beim Kommando wird für Juni 2023 das Großevent Sport Austria Finals angemeldet. Dann werden über vier Tage hinweg bis zu 30 Parallelveranstaltungen in und außerhalb des Grazer Stadtgebiets stattfinden. Erwartet werden etwa 6.500 Teilnehmer:innen, zuzüglich der Betreuerstäbe plus die Besucher, deren Zahl im fünfstelligen Bereich liegen soll. Selbstverständlich, dass dieses Event – an einem verlängerten Wochenende und gleichzeitig mit dem Nova Rock-Festival im Burgenland – für die interne Personalsuche eine enorme Herausforderung darstellen wird. Damit die Stabsmitarbeiter:innen ihre besonderen Stärken und Qualifikationen zum Einsatz bringen können, werden sie in ihren organisationsübergreifenden Führungsgrundgebieten (FGG) aktiv.

Das FGG 1, Personalwesen, erstellt den Personalplan, um den Bedarf an Sanitäter:innen und Notärzt:innen abzudecken. Das FGG 2, Erkundung und Lage, hat die Übersicht über die Einsatzstellen sowie notwendige Sicherheitsmaßnahmen (zum Beispiel Sonnen- und Regenschutz) zusammengefasst. Die Bereitstellung von Verpflegung, die Fahrzeugvergabe, die zusätzlich notwendige Ausrüstung (Faltzelte und Biertischgarnituren, Cool-Packs etc.) und medizinisches Equipment (in Absprache mit dem FGG 7a) liegen im Aufgabenbereich der FGG 4, Logistik und Versorgung. Das FGG 5, Öffentlichkeitsarbeit, erarbeitet zum Beispiel Informationen für die Marketing-Abteilung der Bezirksstelle. Der gesamte Ambulanzdienst wird von der FGG 6, Kommunikation bzw. Führungsunterstützung, mithilfe des Einsatztagebuchs dokumentiert, welches sich auch um BOS-Sprechgruppen, den Kommunikationsplan sowie generelle Teaminfrastruktur wie Laptops und Telefonie kümmert. Das FGG 7a, Ganzheitliche Betreuung - Ärztlicher Dienst, sorgt für die Besetzung und Unterweisung der Notärzt:innen sowie die notfallmedizinische Ausstattung an den einzelnen Einsatzstellen. Da in diesem Szenario keine große Zahl an Betroffenen sowie unbetroffenen Beteiligten zu erwarten ist, fällt dem FGG 7b, Ganzheitliche Betreuung – Psychosoziale Betreuung, keine formelle Funktion zu.
Alle Mitarbeiter:innen des Stabes finden und bearbeiten auch unspezifische Aufgaben und unterstützen bei den Vorbereitungen interdisziplinär: Zelte werden gemeinsam in die Rettungswägen geladen, Lunchpakete gepackt oder Informationsblätter für die Mannschaften auf Verständlichkeit gegenlesen.

All diese Stränge laufen beim FGG 3, Einsatzführung und Koordination (in Graz in Personalunion mit dem Chef des Stabes (CdS)), zusammen. Er vernetzt Informationen, erstellt Übersichten und verteilt noch ausstehende Aufgaben innerhalb des Teams weiter. Der CdS ist auch die Schnittstelle zu Partnern außerhalb des Stabs – sei es zum Bezirksgeschäftsführer, zur Rettungsleitstelle, zu den Gruppenleitern der einzelnen Dienstgruppen oder zum Offizier vom Dienst (OvD) des Regeldienstes. Die Gesamtheit des Einsatzes wird, wann immer notwendig, mit dem Kommandanten und seinem Stellvertreter abgestimmt. Sie sind über die Arbeit der Stabsmitglieder jederzeit in notwendigem Umfang informiert und können so kompetente Entscheidungen fällen.

Diese Kooperation macht die Sport Austria Finals zu einer sicheren Veranstaltung, bei der Teilnehmer:innen, Trainerstäbe und Gäste den Erfolg des jeweiligen Finalsiegers unbeschwert mitverfolgen konnten – ohne jemals zu wissen, was der Stab eigentlich getan hatte.

Kompetenzen im Stabsdienst

„Gute Stabsarbeit funktioniert gerade im Großeinsatz dann, wenn es einen einzigen Anspruchspunkt gibt“, erklärt Wolfgang Wild. „Egal ob das der Kommandant ist, der Verbindungsoffizier oder die Meldesammelstelle (MeSaSt). Das Kommando agiert als Einheit und so, dass niemand merkt, dass im Hintergrund eigentlich 20 Leute arbeiten.“

Dafür ist reelle Erfahrung wichtig. Weil Einsätze glücklicherweise selten sind, helfen österreichweite Fortbildungen dem Stab genauso wie die regelmäßigen Einsatzübungen, um für den Ernstfall bereit zu sein. Interne, kleinere Übungen sind ein weiteres Standbein, das durch regelmäßige Reflexion und die Weitergabe von vergangenen Einsätzen ergänzt wird. Planspiele, taktische Überlegungen und regelmäßige Absprachen mit anderen Einsatzorganisationen bilden die Schlüsselelemente für eine Vorbereitung, die spezifisch ist und gleichzeitig dynamische Aktion und Reaktion ermöglicht.

Die grundlegende Ausbildung der Stabsmitarbeiter:innen basiert auf der Führungskräfteausbildung, die in drei Teile gegliedert ist. Neben der Aus- und Weiterbildung ist aber auch eine ganz spezielle Persönlichkeitsstruktur notwendig: der:die Stabsmitarbeiter:in muss flexibel und zielorientiert handeln, im Ernstfall psychisch und physisch belastbar sein und die Motivation für Routineaufgaben haben. Im Katastrophenfall kann niemand als Einzelkämpfer:in erfolgreich sein, die Zusammenarbeit muss genauso passen wie die Eigeninitiative, um den Kolleg:innen die Arbeit zu erleichtern. Ein Einsatz ist nie vollständig planbar und die Stabsmitarbeiter:innen müssen jederzeit Pläne anpassen, verwerfen und wieder übernehmen, wenn es die Situation so verlangt.

Unter Druck: Großunfälle und der Reiz der Stabsarbeit

Peter Hoppenberger und Wolfgang Wild hören bei der Weitergabe von Informationen genau zu.
Bei der Stabsarbeit werden Entscheidungen genau dann getroffen, wenn sie notwendig sind.

Großunfall mit Feuerentwicklung im Plabutschtunnel, Eskalationsstufe D.

Der zweitlängste Röhrentunnel Österreichs ist eines der Sonderobjekte, für die das Bezirksrettungskommando einen besonderen Einsatzplan erstellt hat und aktuell hält.

Der OvD alarmiert unter Bedingungen, die in diesem Plan klar festgelegt wurden, den Kommandanten, der anlassbezogen das Kommando in der angemessenen Eskalationsstufe (definiert von A bis D) aktiviert.

Nun wird der Einsatzplan wird gemäß Planung und vergangener Übung angewendet. Zwar bieten diese nur eine Blaupause, besonders für Struktur und Kommunikation, und allen Beteiligten ist bewusst, dass man sich je nach Situation vor Ort dynamisch anpassen muss – dennoch sind die Pläne und Übungen die Basis, die den kompetenten Einsatz ermöglichen. Im Vordergrund steht bei einem solchen Großunfall die Koordination mit den anderen Einsatzkräften (Feuerwehr, Polizei und Autobahnpolizei und ASFINAG). Bereits geplant sind organisatorische Details wie verfügbare Triageplätze, Zugänglichkeit der Notausfahrten und taktisch sinnvolle Bereitstellungsräume. Anderes lässt sich nicht planen und muss von den Einsatzkräften individuell, auf Basis der vorhandenen Informationen, im Moment entschieden werden.

Die Vielseitigkeit der Arbeit ist sicherlich ein Grund, sich im Stab zu engagieren. Fragt man die Mitglieder des Kommandos, ergeben sich jedoch schnell konkrete Details, die den Einzelnen besonders interessieren oder motivieren. Für Stephan Spelic ist es die Herausforderung, in jedem Einsatz Lösungen für Unbekanntes zu finden. Für Wolfgang Wild liegt der Reiz darin, reflektierte Entscheidungen genau dann zu treffen, wenn sie notwendig sind. Und für Peter Hoppenberger ist es die Zusammenarbeit eines kompetenten Teams in einer komplexen Lage, bei der praktische Lösungen auf Augenhöhe gefunden werden.

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