Zwei Rettungssanitäterinnen berichten über das, was man eigentlich nicht erleben will:
Sie nahmen die "Sterssverarbeitung nach belastenden Einsätzen" in Anspruch, ein etabliertes Peer-System innerhalb des Roten Kreuzes.
In regelmäßigen Übungen wird die Versorgung verschiedener Verletzungsmuster abgearbeitet, um im Ernstfall routinemäßig handeln zu können.
Der Nachtdienst von Daniela und Julia begann normal, selbst die erste Alarmierung klang nicht außergewöhnlich. Julia ist berufliche Rettungssanitäterin beim Bayrischen Roten Kreuz, Daniela Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, beide sind schon lange freiwillige als Rettungssanitäterinnen aktiv.
Daher wurde ihnen am Auftreten des Einweisers Vorort und an der Geräuschkulisse am Einsatzort schlagartig klar, dass hier ein schwerverletzter Mensch um sein Leben rang. Dass man sich plötzlich in einer anderen Situation wieder findet, als man erwartet hatte, kann zur Belastung beitragen. Das Verletzungsmuster des Patienten war auf Grund der zu setzenden Maßnahmen schon herausfordernd, jedoch war hier die Umgebung, die Angehörigen und Kinder, die darum flehten, dass man hilft, die Challenge.
Der Einsatz spitze sich zu
Über Funk machte Daniela die erste Lagemeldung, wodurch die Leitstelle einen Eindruck von den Geschehnissen Vorort erhielt. Was die beiden, die um das Überleben des Patienten kämpften, nicht wussten, war, dass bereits an einem Netz für sie selbst gesponnen wurde, dass sie, wenn nötig, danach auffangen würde. Auch andere Kollegen, die Nachtdienst hatten, erlebten den Einsatz über Funk mit und waren die ersten, die den beiden nach der Übergabe des Patienten an das Krankenhaus beistanden. Gleich in der Garage des Krankenhauses wurde nach dem Befinden gefragt, Getränke angeboten und bei der ersten Reinigung des Rettungswagens unterstützt. Denn mit Nachlass des Adrenalins kam zuerst ein großer Redebedarf auf, danach eine bleierne Müdigkeit, sie fühlten sich körperlich völlig ausgelaugt. Julia und Daniela wurde immer mehr bewusst, dass sie in dieser Nacht wohl einen solchen zweiten Einsatz nicht verantworten konnten. Auf das sensible Nachfragen der Leitstelle erklärten sie sich für den Moment als nicht einsatzbereit.
Der diensthabende Sanitäter wurde schon während des Einsatzes von der Leitstelle infomiert und hatte für eine Ablöse gesorgt. Unter diesen Umständen fand sich schnell in neues Team. Bald darauf wurde die Ablöse auch tatsächlich wieder alarmiert - Daniela und Julia waren froh, nicht ausrücken zu müssen. Die Leitstellenmitarbeiterin erkundigte sich nach dem Befinden der beiden und animierte sie ein Gedächtnisprotokoll des Einsatzes aufzuschreiben.
Schlaflose Nacht
Nach vier Stunden, gegen 2 Uhr nachts verließen die beiden die Dienststelle. Ein SvE-Team war vorab informiert worden, zu dieser späten Stunde wollten beide aber nur noch nach Hause.
Daniela, Mutter von zwei Kindern, war die Einsatzlenkerin, Julia, ebenfalls Mutter, war die patientenorientierte Sanitäterin gewesen. Sie fand in dieser kurzen Nacht keinen Schlaf. Als sich die beiden am nächsten Tag wieder an der Dienststelle trafen, merkten sie, dass es ihnen nicht gut ging: Diese Situation konnten sie nicht alleine bewältigen. Gemeinsam mit dem diensthabenden Sanitäter und einem Kollegen aus dem SvE - Team gingen sie das Gedächtnisprotokoll der vergangenen Nacht durch. Da alle SvE-Mitarbeiter ebenfalls aktive Rettungssanitäter sind, konnten sie das Wichtigste sofort unternehmen: sie bestätigten Julia und Daniela, dass sie alles richtig gemacht hatten. Weitere positive Punkte wurden ganz konkret herausgefiltert und Nachbesprechungen mit den anderen beteiligten Einheiten vereinbart.
Die beiden Rettungssanitäterinnen blieben in engem Kontakt, doch bei Julia stellte sich eine Verschlechterung ein. Essen und schlafen war kaum mehr möglich. Der Vorgestezte an der Dienststelle informierte nun auch die Krisenhilfe, die mit beruflichen Psychologen für alle Einsatzorganisationen zur Verfügung steht. Nach telefonischer Sofort-Hilfe folgten persönliche Treffen.
Der eigene Vorwurf
"Das darf mich doch gar nicht belasten, es ist ja mein Job!"
war ein Kernthema, das es aufzulösen galt.
WIR SIND DA - auch untereinander
In dieser schweren Zeit spürten beide den enormen Rückhalt ihrer Kollegen. WIR SIND DA gilt nicht nur für unsere Patienten, sondern auch untereinander: Julia und Daniela wurden immer wieder auf ihren Einsatz angesprochen und das Reden tat gut. Beide sind nach wie vor überwältigt, dass sie in dieser schwierigen Situation soviel Unterstützung, Rückhalt und Zuhörer fanden. Sie wurden nie alleine gelassen, sodass sie sich gut aufgehoben fühlten. Der Vorgesetzte sprach immerwieder darüber, wie stolz er auf sein Team sei. Bestätigt wurde er durch den Patienten selber: Es war allen Anscheins nach nicht zu erwarten, dass er überleben werde - nun ist er wieder fast vollständig rehabilitiert.
Den ersten Dienst nach einer einmonatigen Pause absolvierten Julia und Daniela auch wieder gemeinsam- zwar waren sie anfangs ehrlicherweise nervös, aber nach den ersten beiden Ausfahrten war die Routine wieder voll da. "Die schönen Erfahrungen und Einsätze überwiegen, und dazu zählt auch, zu erleben: wir sind füreinander da!"
schnelle Hilfe bei SvE
Daniela Eder
Eine SvE- Mitarbeiterin riet mir mal, alles aufzuschreiben, was im Zusammenhang mit dem belastenden Einsatz in mir hochkommt. So nahm ich einen Zettel, auf dem ich den gesamten Einsatz aufschrieb und immer wieder Gedanken, Fragen, Erwägungen oä. notierte. Dann wurde er weggelegt. Als die nächsten Gedanken aufkamen holte ich ihn wieder und entließ meine Gedanken auf das Papier. Nach einer Weile kam immer weniger, so dass ich den nächsten Schritt tun konnte - ihn nämlich wegwerfen. Das Erlebte ist nun, wie in einer Schublade in meinem Kopf abgelegt, grundsätzlich verfügbar, aber außerhalb meines "Sichtfeldes".