Sie kennen Schule und Bildungssystem in Österreich aus vielen Perspektiven. Wie ist ihr Befund?
In Wahrheit ein Vernichtender. Als Vater gehöre ich zu den Eltern, die auf der Butterseite sind. Ich habe zwei lernwillige Kinder, hatte nie wirkliche Probleme. Aber das liegt auch daran, dass ein bildungsnahes Elternhaus da ist und wir uns kümmern konnten.
Als Lehrer und später Schuldirektor im städtischen Umfeld in einer Mittelschule mit 80 bis 100 Prozent Migrationshintergrund - da erlebt man das genaue Gegenteil. Da sind die Kinder teilweise gleich gescheit wie meine, kommen aber nicht an die „Tröge“ der Bildung und des Wissens. Das ist tragisch.
Was bedeutet das für ihre berufliche Zukunft?
Gäbe es einen Arbeitsmarkt wie vor 100 Jahren, würden alle etwas finden. Aber wir haben einen Arbeitsmarkt, der komplett vergeistigt ist. Und wenn Kinder benachteiligt sind, sind sie es für den Rest ihres Lebens. Früher hat man gute Jobs gefunden, auch wenn man sozusagen eher „handwerklich begabt“ war, statt kognitiv. Heute muss man auch in den sogenannten Arbeiterberufen digital firm sein.
Was fehlt diesen Kindern, um es zu schaffen?
Es ist oft die Selbstdisziplin, die ihnen nicht beigebracht wird. Oder auch die Fähigkeit, Hürden zu überwinden und nicht davor umzudrehen. Oft ist es so, dass es bereits den Eltern nicht beigebracht wurde und sie oft andere Sorgen haben. Ich werfe das den Eltern nicht vor, das müsste die Schule leisten.
Warum leistet die Schule das nicht?
Wir haben in Wahrheit eine Halbtagsschule, die auf Hausübungen fokussiert. Das benachteiligt schon wieder die Kinder, die niemanden haben, der hilft. Und bevorzugt die, bei denen Mama oder Papa da sind, um zu helfen, oder Geld für Nachhilfe vorhanden ist.
Ist Geld denn schon in der Volksschule so ein großer Faktor?
Eine Kollegin von mir gibt dem Kind eines Rechtsanwaltes dreimal in der Woche zwei Stunden Nachhilfe und macht mit ihm Hausübungen – in der Volksschule! Der Vater zahlt alles, die Lehrerin ist über das Extra-Geld glücklich. Sie macht einen Halbtags-Job und gibt dann den reichen Kindern Nachhilfe. Das ist doch falsch, das darf nicht so sein, dass sich er mit dem Geld die Lehrerin leistet, die sich doch auch am Nachmittag um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern könnte. Ein Drittel der Lehrkräfte arbeitet nur Teilzeit, das ist ein Wahnsinn. Würden alle Vollzeit arbeiten, hätten wir kein Lehrerproblem.
Wieso wollen viele Lehrkräfte nur Teilzeit arbeiten?
Das ist multifaktorell. Bei den ganz Jungen ist es so, dass sie ihre Verpflichtung bis zur Hälfte reduzieren, weil sie sonst ihren Master nicht schaffen, den sie nebenbei auf der Uni machen müssen. Manche haben noch nicht mal den Bachelor und werden in die Klassen gestellt. Die können nicht nebenbei arbeiten. Wie sollen sie das machen, wenn sie auf die Uni müssen? Und die Älteren sind einfach erschöpft. Es sind viele von diesen Vorzeigelehrern, die sich bis zu 15 Jahre reingehängt haben und dann merken, dass es immer ärger wird. Ich kenne viele Lehrer, die ins Burn-out gegangen sind. Die distanzieren sich und lassen sich nicht mehr ein. Das wiederum geht auf die Kosten jener, die Vollzeit arbeiten. Die müssen immer mehr übernehmen. Weil die Teilzeit-Lehrer das ganze „darüber hinaus kümmern“ wie Elterngespräche auch nicht machen. Das macht der Vollzeit-Lehrer, der hat dann auf einmal doppelt so viel zu tun. In Oberösterreich hat der Bildungsdirektor glaub ich ein Teilzeit-Verbot angeregt, dafür wurde er sehr kritisiert. Das ist natürlich eine harte Maßnahme, aber im Prinzip versteht der schon, worum es geht.
Welches sind also aus ihrer Sicht die größten Probleme im Bildungssystem?
Die Halbtags-Schule. Wir trennen zu früh, testen permanent nur Leistungen ab, aber dann passiert trotzdem nichts. Auch die Lehrerinnen und Lehrer stehen unter Druck. Die arbeiten in einem völlig unzulänglichen System. Das wirkt sich auf die Schüler aus. Das weiß jeder, der sich damit beschäftigt. Es tun nur niemand etwas dagegen, aber das liegt an den politischen Konstellationen – nicht erst jetzt, sondern seit 50 Jahren.
Welche Verbesserungsvorschläge wären aus Ihrer Sicht notwendig?
Wir haben eine Schulverwaltung, die in den Schulen passiert, und eine pädagogische Betreuung, die von außen passiert. Es müsste genau umgekehrt sein. Die Verwaltung müsste von außen passieren. Dafür müsste ein kompetentes Amt da sein und die Bürokratie zurückgefahren werden. Die Lehrenden und Direktorinnen dürften sich dann endlich um die Kinder kümmern. Doch das wird verunmöglicht. Die wollen schon, aber das geht nicht. Dass wir so einen eklatanten Lehrermangel haben, ist kein Zufall. Nicht, weil so viele in Pension gehen, sondern weil so wenige nachkommen. Und die, die nachkommen, haben zu wenige Unterrichtsstunden.
Wie geht es denn den Lehrenden in diesem System?
Viele brennen aus, haben die Nerven nicht mehr und geben auch innerlich auf. Die haben das zehnte Jahr in Folge die „schlimmen Kinder“, die nicht Deutsch können, und bekommen immer noch weitere bürokratische Aufgaben, die sie erledigen sollen. Die wollen nicht mehr, die sind nicht deswegen Lehrer geworden. Die wollten ja unterrichten, Kindern etwas beibringen. Aber in zumutbaren Situationen und Settings. Man muss schauen, dass es den Lehrern besser geht, dass sie gerne in die Schule kommen. Dass sie die Zeit und die Nerven haben, sich auf die Kinder einzulassen, die sie am meisten brauchen. Dass man sie nicht verheizt. Zum Beispiel schon als Studierende, die man in die Klassen stellt. Dort müssen sie dann Gegenstände unterrichten, die sie nicht gelernt haben. Und dann noch Halbtagsschule. Das alles trägt dazu bei, dass die Kinder, die es brauchen, zu wenig Hilfe bekommen, um es zu schaffen.
Sind Quereinsteiger, also spät berufene Lehrende, eine denkbare Lösung?
Die allgemeine Meinung ist: „Jeder mit Matura kann einem Siebenjährigen beibringen, wie man ein A schreibt.“ Aber so einfach ist das nicht. Die Quereinsteiger sind nicht auf das Soziale vorbereitet, die Herausforderung der Kommunikation, der sozialen Betreuung. Die Kinder brauchen das heute teilweise noch viel mehr, als wir das früher gebraucht haben.
Es gibt offensichtlich mehr Lehrerinnen als Lehrer, welche Rolle spielt das Geschlecht?
Das ist ein ganz großes Problem, das wir schon im Kindergarten sehen. Es gibt kaum Kindergärtner, es hat sich nichts geändert. Die Kindergartenpädagogik ist offensichtlich nur für Frauen interessant. Das hat viele Gründe. Einer davon ist, dass man die Männer in Österreich aus einer falsch verstandenen Rücksicht gegenüber den Kindern von vornherein kriminalisiert. Ein Mann darf nicht mit dem Kind alleine aufs Klo gehen etc. Das ist für viele Männer unangenehm, wenn sie unter einem Generalverdacht stehen, pädophil zu sein. Außerdem ist der Job schlicht unterbezahlt. Und in den Volksschulen fängt es an, dass sich dort sehr viele Leute melden, die versuchen, ihr eigenes Privatleben, ihre eigenen Kinder und den Beruf unter einen Hut zu bringen. Der Mann geht klassisch Vollzeit arbeiten, die Frau ist am Vormittag Lehrerin und am Nachmittag für die eigenen Kinder da. Da spielt unser konservatives Rollenbild auch eine große Rolle.
Wodurch könnte sich das Geschlechterverhältnis in Kindergärten und Schulen ändern?
Würden wir die Zuständigkeit für die Kinder mehr aufteilen, Väter genauso in Karenz gehen müssen wie die Mütter, hätten wir eine ganz andere Situation. Weil dann würde der Mann sagen: „Ich habe zu Hause Kinder, als Lehrer geht sich das gut aus.“ Durch ein falsches Rollenbild bekommen wir zu wenige Männer in den Lehrberuf. Der Beruf hat auch einen Sozial-Touch. Man ist in Wahrheit auch Sozialarbeiter, das ist ein klassische Frauenrolle in Österreich. Man müsste sehr viel Werbung hineinstecken und sehr viele veränderte Umstände, um mehr Lehrer zu bekommen. Nur in den Berufsschulen hat man einen annähernd hohen Lehreranteil, das ist das klassische „Männer und Technik“-Ding. Da spielt das gesellschaftlich konservative Rollenverständnis eine große Rolle.
Ist das Geschlecht der Lehrkraft für die Kinder relevant?
Ich glaube schon, dass Kinder lernen sollten, dass es auch Männer gibt in der Gesellschaft. Noch dazu, wo viele Kinder aus Single-Haushalten kommen. Die haben nur die Mutter, Tante oder Oma, weil die Kinder in der Regel nach einer Trennung bei der Mutter bleiben. Und dann kommen sie in die Schule und haben wieder nur Frauen. Das ist ganz schlecht. Ich glaube, auch im Hinblick auf Zuwandererkinder aus einem bestimmten kulturellen Milieu wäre es gut, wenn diese Kinder Männer kennenlernen würden, die etwas anderes vorleben als den klassischen Macho.
Die Karenz-Teilung und Teilzeitarbeit ist aber auch eine Frage des Verdienstes.
Ja, weil Männer in Österreich meist immer noch viel mehr verdienen als Frauen – das ist auch eine gesellschaftspolitische Frage, die die Kinder in der Schule ausbaden müssen. Da muss man auch gesellschaftspolitisch etwas ändern, dann würde es in den Schulen einfacher sein. Dann würde man die Männer auch mehr als bisher für den Lehrerberuf gewinnen.