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Zu wenig Hilfe, um es zu schaffen. Warum Kinder armer Eltern kaum an Bildung herankommen.

Interview im Magazin "Mein Rotes Kreuz" Ausgabe Nr. 4, November 2023

Ein Gespräch über das Schulsystem und Zukunftschancen in Österreich mit Niki Glattauer - Vater, Journalist, Lehrer, Schuldirektor und Autor.
Niki Glattauer
Niki Glattauer - Vater, Journalist, Lehrer, Schuldirektor und Autor im Gespräch.

Sie kennen Schule und Bildungssystem in Österreich aus vielen Perspektiven. Wie ist ihr Befund?

In Wahrheit ein Vernichtender. Als Vater gehöre ich zu den Eltern, die auf der Butterseite sind. Ich habe zwei lernwillige Kinder, hatte nie wirkliche Probleme. Aber das liegt auch daran, dass ein bildungsnahes Elternhaus da ist und wir uns kümmern konnten.

Als Lehrer und später Schuldirektor im städtischen Umfeld in einer Mittelschule mit 80 bis 100 Prozent Migrationshintergrund - da erlebt man das genaue Gegenteil. Da sind die Kinder teilweise gleich gescheit wie meine, kommen aber nicht an die „Tröge“ der Bildung und des Wissens. Das ist tragisch.

Was bedeutet das für ihre berufliche Zukunft?

Gäbe es einen Arbeitsmarkt wie vor 100 Jahren, würden alle etwas finden. Aber wir haben einen Arbeitsmarkt, der komplett vergeistigt ist. Und wenn Kinder benachteiligt sind, sind sie es für den Rest ihres Lebens. Früher hat man gute Jobs gefunden, auch wenn man sozusagen eher „handwerklich begabt“ war, statt kognitiv. Heute muss man auch in den sogenannten Arbeiterberufen digital firm sein.

Was fehlt diesen Kindern, um es zu schaffen?

Es ist oft die Selbstdisziplin, die ihnen nicht beigebracht wird. Oder auch die Fähigkeit, Hürden zu überwinden und nicht davor umzudrehen. Oft ist es so, dass es bereits den Eltern nicht beigebracht wurde und sie oft andere Sorgen haben. Ich werfe das den Eltern nicht vor, das müsste die Schule leisten.

Warum leistet die Schule das nicht?

Wir haben in Wahrheit eine Halbtagsschule, die auf Hausübungen fokussiert. Das benachteiligt schon wieder die Kinder, die niemanden haben, der hilft. Und bevorzugt die, bei denen Mama oder Papa da sind, um zu helfen, oder Geld für Nachhilfe vorhanden ist.

Ist Geld denn schon in der Volksschule so ein großer Faktor?

Eine Kollegin von mir gibt dem Kind eines Rechtsanwaltes dreimal in der Woche zwei Stunden Nachhilfe und macht mit ihm Hausübungen – in der Volksschule! Der Vater zahlt alles, die Lehrerin ist über das Extra-Geld glücklich. Sie macht einen Halbtags-Job und gibt dann den reichen Kindern Nachhilfe. Das ist doch falsch, das darf nicht so sein, dass sich er mit dem Geld die Lehrerin leistet, die sich doch auch am Nachmittag um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern könnte. Ein Drittel der Lehrkräfte arbeitet nur Teilzeit, das ist ein Wahnsinn. Würden alle Vollzeit arbeiten, hätten wir kein Lehrerproblem.

Wieso wollen viele Lehrkräfte nur Teilzeit arbeiten?

Das ist multifaktorell. Bei den ganz Jungen ist es so, dass sie ihre Verpflichtung bis zur Hälfte reduzieren, weil sie sonst ihren Master nicht schaffen, den sie nebenbei auf der Uni machen müssen. Manche haben noch nicht mal den Bachelor und werden in die Klassen gestellt. Die können nicht nebenbei arbeiten. Wie sollen sie das machen, wenn sie auf die Uni müssen? Und die Älteren sind einfach erschöpft. Es sind viele von diesen Vorzeigelehrern, die sich bis zu 15 Jahre reingehängt haben und dann merken, dass es immer ärger wird. Ich kenne viele Lehrer, die ins Burn-out gegangen sind. Die distanzieren sich und lassen sich nicht mehr ein. Das wiederum geht auf die Kosten jener, die Vollzeit arbeiten. Die müssen immer mehr übernehmen. Weil die Teilzeit-Lehrer das ganze „darüber hinaus kümmern“ wie Elterngespräche auch nicht machen. Das macht der Vollzeit-Lehrer, der hat dann auf einmal doppelt so viel zu tun. In Oberösterreich hat der Bildungsdirektor glaub ich ein Teilzeit-Verbot angeregt, dafür wurde er sehr kritisiert. Das ist natürlich eine harte Maßnahme, aber im Prinzip versteht der schon, worum es geht.

Welches sind also aus ihrer Sicht die größten Probleme im Bildungssystem?

Die Halbtags-Schule. Wir trennen zu früh, testen permanent nur Leistungen ab, aber dann passiert trotzdem nichts. Auch die Lehrerinnen und Lehrer stehen unter Druck. Die arbeiten in einem völlig unzulänglichen System. Das wirkt sich auf die Schüler aus. Das weiß jeder, der sich damit beschäftigt. Es tun nur niemand etwas dagegen, aber das liegt an den politischen Konstellationen – nicht erst jetzt, sondern seit 50 Jahren.

Welche Verbesserungsvorschläge wären aus Ihrer Sicht notwendig?

Wir haben eine Schulverwaltung, die in den Schulen passiert, und eine pädagogische Betreuung, die von außen passiert. Es müsste genau umgekehrt sein. Die Verwaltung müsste von außen passieren. Dafür müsste ein kompetentes Amt da sein und die Bürokratie zurückgefahren werden. Die Lehrenden und Direktorinnen dürften sich dann endlich um die Kinder kümmern. Doch das wird verunmöglicht. Die wollen schon, aber das geht nicht. Dass wir so einen eklatanten Lehrermangel haben, ist kein Zufall. Nicht, weil so viele in Pension gehen, sondern weil so wenige nachkommen. Und die, die nachkommen, haben zu wenige Unterrichtsstunden.

Wie geht es denn den Lehrenden in diesem System?

Viele brennen aus, haben die Nerven nicht mehr und geben auch innerlich auf. Die haben das zehnte Jahr in Folge die „schlimmen Kinder“, die nicht Deutsch können, und bekommen immer noch weitere bürokratische Aufgaben, die sie erledigen sollen. Die wollen nicht mehr, die sind nicht deswegen Lehrer geworden. Die wollten ja unterrichten, Kindern etwas beibringen. Aber in zumutbaren Situationen und Settings. Man muss schauen, dass es den Lehrern besser geht, dass sie gerne in die Schule kommen. Dass sie die Zeit und die Nerven haben, sich auf die Kinder einzulassen, die sie am meisten brauchen. Dass man sie nicht verheizt. Zum Beispiel schon als Studierende, die man in die Klassen stellt. Dort müssen sie dann Gegenstände unterrichten, die sie nicht gelernt haben. Und dann noch Halbtagsschule. Das alles trägt dazu bei, dass die Kinder, die es brauchen, zu wenig Hilfe bekommen, um es zu schaffen.

Sind Quereinsteiger, also spät berufene Lehrende, eine denkbare Lösung?

Die allgemeine Meinung ist: „Jeder mit Matura kann einem Siebenjährigen beibringen, wie man ein A schreibt.“ Aber so einfach ist das nicht. Die Quereinsteiger sind nicht auf das Soziale vorbereitet, die Herausforderung der Kommunikation, der sozialen Betreuung. Die Kinder brauchen das heute teilweise noch viel mehr, als wir das früher gebraucht haben.

Es gibt offensichtlich mehr Lehrerinnen als Lehrer, welche Rolle spielt das Geschlecht?

Das ist ein ganz großes Problem, das wir schon im Kindergarten sehen. Es gibt kaum Kindergärtner, es hat sich nichts geändert. Die Kindergartenpädagogik ist offensichtlich nur für Frauen interessant. Das hat viele Gründe. Einer davon ist, dass man die Männer in Österreich aus einer falsch verstandenen Rücksicht gegenüber den Kindern von vornherein kriminalisiert. Ein Mann darf nicht mit dem Kind alleine aufs Klo gehen etc. Das ist für viele Männer unangenehm, wenn sie unter einem Generalverdacht stehen, pädophil zu sein. Außerdem ist der Job schlicht unterbezahlt. Und in den Volksschulen fängt es an, dass sich dort sehr viele Leute melden, die versuchen, ihr eigenes Privatleben, ihre eigenen Kinder und den Beruf unter einen Hut zu bringen. Der Mann geht klassisch Vollzeit arbeiten, die Frau ist am Vormittag Lehrerin und am Nachmittag für die eigenen Kinder da. Da spielt unser konservatives Rollenbild auch eine große Rolle.

Wodurch könnte sich das Geschlechterverhältnis in Kindergärten und Schulen ändern?

Würden wir die Zuständigkeit für die Kinder mehr aufteilen, Väter genauso in Karenz gehen müssen wie die Mütter, hätten wir eine ganz andere Situation. Weil dann würde der Mann sagen: „Ich habe zu Hause Kinder, als Lehrer geht sich das gut aus.“ Durch ein falsches Rollenbild bekommen wir zu wenige Männer in den Lehrberuf. Der Beruf hat auch einen Sozial-Touch. Man ist in Wahrheit auch Sozialarbeiter, das ist ein klassische Frauenrolle in Österreich. Man müsste sehr viel Werbung hineinstecken und sehr viele veränderte Umstände, um mehr Lehrer zu bekommen. Nur in den Berufsschulen hat man einen annähernd hohen Lehreranteil, das ist das klassische „Männer und Technik“-Ding. Da spielt das gesellschaftlich konservative Rollenverständnis eine große Rolle.

Ist das Geschlecht der Lehrkraft für die Kinder relevant?

Ich glaube schon, dass Kinder lernen sollten, dass es auch Männer gibt in der Gesellschaft. Noch dazu, wo viele Kinder aus Single-Haushalten kommen. Die haben nur die Mutter, Tante oder Oma, weil die Kinder in der Regel nach einer Trennung bei der Mutter bleiben. Und dann kommen sie in die Schule und haben wieder nur Frauen. Das ist ganz schlecht. Ich glaube, auch im Hinblick auf Zuwandererkinder aus einem bestimmten kulturellen Milieu wäre es gut, wenn diese Kinder Männer kennenlernen würden, die etwas anderes vorleben als den klassischen Macho.

Die Karenz-Teilung und Teilzeitarbeit ist aber auch eine Frage des Verdienstes.

Ja, weil Männer in Österreich meist immer noch viel mehr verdienen als Frauen – das ist auch eine gesellschaftspolitische Frage, die die Kinder in der Schule ausbaden müssen. Da muss man auch gesellschaftspolitisch etwas ändern, dann würde es in den Schulen einfacher sein. Dann würde man die Männer auch mehr als bisher für den Lehrerberuf gewinnen.

Niki Glattauer
Niki Glattauer

Gibt es so etwas wie das „Gelobte Land der Bildung“, von denen wir uns was abschauen sollten?

Wir müssen nicht groß auf andere Länder schielen. Wir müssen nur den Befund liefern, was bei uns schiefläuft – das ist relativ leicht. Und dann – und das ist offenbar schwierig – darauf reagieren. Wir liefern den Befund, machen aber nichts. Wir müssten auch nicht so viel testen. Jetzt wollen sie die mittlere Reife einführen. Noch eine Hürde, wieder eine Testung. Wieder werden Lehrer, Eltern und vor allem Kinder unter Druck gesetzt. Wofür? Völlig falsch. Anstatt, dass man den Druck rausnimmt.

Bildung und Geld also stellen die Weichen für die Zukunft? Ist Armut erblich?

Ich habe dazu ein paar Zahlen der Statistik Austria, dass nur sechs Prozent der Eltern von Kindern in Gymnasien maximal einen Pflichtschulabschluss haben. Nur sechs Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien sitzen im Gymnasium. Das kann nicht an der Intelligenz des Kindes liegen. Bei Studierenden ist es noch ärger: Nur drei von 100 Studierenden haben Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss. Die Gymnasien und die Unis sind voll von Privilegierten und von Geldprivilegierten. Das ist ja nicht zu trennen. Das bedeutet in der Umkehrung, dass von 100 Akademikerkindern 81 die Matura machen und 67 ein Studium beginnen. Und was ist mit den anderen? Diese Zahlen sprechen eine dermaßen klare Sprache, das ist in Österreich besonders arg. Das ist nicht gottgegeben, das ist hausgemacht und ich fürchte, das liegt daran, dass wir eine Politik haben, die die sogenannte Bildungsbürgerschicht darin bestärkt, dass das System so in Ordnung ist. Die wollen es sich mit einer bestimmten Schicht, nämlich der, wo die Kinder auf die Butterseite gefallen sind, nicht verscherzen. Und das geht durch sämtliche Parteien. Zum Ändern gehört eine Schulreform, die auch wirklich eine Reform ist. Die den Kindern etwas bringt, nicht eine Verwaltungsreform.

Also wer arm geboren ist, hat einfach Pech?

Wer Geld hat und Zugang zur Bildung kommt bis zur Uni. Wer vom Land kommt, aus bäuerlichem Umfeld, der bleibt Bauer. Das ist in vielen Ländern so, bei uns wäre es aber nicht nötig. Wir könnten es anders. Wir hätten dieses Gefälle nicht, wenn wir endlich etwas dagegen machen würden.

Welche Befürchtungen gibt es denn bei stark durchmischten Schulen?

Ich werfe Eltern ihre Angst nur bedingt vor. Sie lassen sich einreden, dass es mit den Kindern aus bildungsferneren Haushalten in der Klasse eine Katastrophe wird. Wir haben aber schlicht und einfach nur ganz viele Eltern, die das System nicht kennen, nicht gebildet sind und viel mehr Hilfe und Begleitung bräuchten, als man ihnen geben kann. Ich habe nur ganz selten lernunwillige oder schulverweigernde Eltern und Kinder erlebt. Die meisten sind schlicht und einfach hilflos.

Und wie sieht es aus, wenn die Kinder in die Schule kommen und nicht Deutsch sprechen?

Bei einer Klasse mit 90 Prozent Kindern, die kein Deutsch können, werden sie es natürlich nicht gescheit lernen. Aber hauptsächlich, weil ja auch sonst niemand Deutsch mit ihnen redet. Im Elternhaus wird es nicht gesprochen. Man geht in die Geschäfte, wo die Leute die eigenen Muttersprache sprechen, und in der Klasse sprechen alle nicht oder schlecht Deutsch. Am einfachsten ist es also, wenn man in ein Umfeld kommt, wo die Leute gut Deutsch sprechen. Dann lernt man es auch.

Die schlechten Zukunftsaussichten bekommt man also sozusagen in die Wiege gelegt. Könnte eine Ganztagsschule ein Ausweg sein?

Meine Tochter ist wegen des Schulwegs ein paar Jahre in eine katholische Privatschule gegangen, mein Sohn in eine ganz normale Volksschule. Das war kein Unterschied zwischen der katholischen Privatschule in Döbling und der „Otto-Normal-Schule“ in Favoriten. Die Lehrer waren genauso bemüht und haben es genau so gut gemacht, und weil die Kinder eben privilegiert sind mit der Unterstützung ihren Eltern, haben sie es beide tadellos geschafft. Was bei den Privatschulen der große Vorteil ist: Die sind meistens Ganztagsschulen. Die haben alles, was die Kinder in benachteiligten Schulen bräuchten. Die haben in Wahrheit auch die Gesamtschule. Denn da gehen die Kinder in die Volksschule und gleich weiter ins Gymnasium. Bei normalen Volksschulen muss man suchen, sich bewerben, und hoffen, dass man einen guten Schulplatz bekommt. Das ist wieder eine Hürde und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Es ist offenbar auch eine Glückssache, die richtige Schule mit engagierten Lehrern zu finden.

Die sehr engagierten Lehrer retten das System, sorgen aber auch dafür, dass sich das System nicht ändert. Die fangen auf und man glaubt dann, es geht schon irgendwie. Würde es nicht die Vorzeigelehrer und -Schulen geben, müsste sich die Politik viel mehr einfallen lassen. Ich war schon als Direktor nicht glücklich über die Überengagierten. Ich wollte, dass alle ihren Job gut machen. Nicht einige gar nicht, und andere kompensieren das, indem sie ausbrennen. Das passiert, aber das hält ja ein Lehrer nicht aus. Wir haben aufgrund der Umstände zu viele Nicht-Vollzeit-Lehrkräfte. Das ist ein enormes Problem.

Warum gibt es in Österreich noch relativ wenige Ganztagsschulen?

Leider wollen viele Eltern in Österreich die Ganztagesschule nicht, weil sie sich selber um das Kind kümmern wollen. Obwohl das oft heißt, dass das Kind zu Hause ist und lieber die große Schwester oder der große Bruder darauf aufpasst, bevor man es in der Schule lässt. Ich weiß nicht, warum das bei uns so ausgeprägt ist, dass diese Mittelschicht so viel Wert darauf legt, selbst da zu sein. Wohl wieder auch deswegen, weil die Schulen nicht auf Ganztagesschule ausgelegt ist - der Nachmittag ist eher nur Verwahrung.

Das Erfolgsrezept wäre also verschränktes Lernen in einer Gruppe über den ganzen Tag verteilt?

Lehrer sollten Kinder vom Kindergarten weg betreuen, bis sie ungefähr 12 sind. Da hätte man keine Trennungen mehr nach dem Kindergarten und der Volksschule, sondern sie könnten sich 12 Jahre entwickeln und hätten Lehrer, die das gelernt haben. Die Schnittstellen, die Bruchstellen wären weg zwischen Kleinkind und Kindergarten. Das eine Kind kommt in den Kindergarten und kann etwas, das andere kann nichts. Nach dem Kindergarten dasselbe. Bei 6-Jährigen gibt es Bildungsunterschiede bis zu fünf Jahren. Bei Sechsjährigen! Das kann eine Lehrerin nie aufholen. Genauso ist das bei Zehn-, Elf-, Zwölfjährigen. Die übernimmt man aus der Volksschule und stellt fest, dieses kann lesen, schreiben, rechnen, das andere dagegen gar nichts. Und die Schule müsste eine Ganztagesschule sein, auf jeden Fall. Kultur und Sport muss man ihnen nicht wegnehmen, die muss man am Nachmittag unterbringen. Die Kinder müssten alle zusammen den ganzen Tag in diesem Setting verbringen können, dafür dann keine Hausübungen haben und ohne Schultasche nach Hause gehen. Nach einem Arbeitstag nach Hause gehen. Dann ist es nicht mehr von Relevanz, ob und wieviel die Eltern helfen können.

Könnten Lehrer diese Defizite ausgleichen? Ist das schaffbar?

Ich bin dafür, viel mehr zu mischen. Das muss politisch gelöst werden. Es darf nicht sein, dass schon in Kindergärten und dann in Volkschulen und anderen Schulen Klassen mit 80 bis 90 Prozent Kindern sitzen, die Deutsch nicht als Umgangssprache haben. Und dann muss man den Lehrenden mehr Möglichkeiten geben. Man muss aber auch von den Familien mehr verlangen, mehr dahinter sein, dass es den Kindern beigebracht wird. Dann muss das Kind am Nachmittag eine zusätzliche Stunde Deutsch lernen. Anstatt es rauszuholen aus dem normalen Umfeld der Klasse und es abzusondern – muss man sagen: „Du kannst noch nicht Deutsch, für dich gibt es einen Kurs am Nachmittag, den musst du machen.“

Was sollten Eltern mindestens beitragen?

Wenn die Eltern nicht mitspielen, muss man ihnen klarmachen, dass das Voraussetzung ist. Jetzt steckt man die Leute in Sprachkurse, schaut aber nicht, ob sie etwas lernen. Und sie lernen es nicht, weil es nicht nötig ist. Wenn man in der Blase sitzt mit Freunden der eigenen Sprachkultur, ist es nicht notwendig – glauben sie. Das ist aber eine Falle. In Wahrheit ist Deutsch lernen unbedingt notwendig, besonders, wenn man Kinder hat.

Zum Schulstart kommen immer auch Extra-Kosten auf die Familien zu, dazu auch Lernunterstützung oder Nachhilfe. Besonders mit mehreren Kindern ist das ein erheblicher Faktor.

Von einer Gratis-Schule sind wir inzwischen weit entfernt. Wir glauben, noch eine zu haben. reden davon. Aber gratis ist nur, dass man in eine Schule gehen darf. Außer in Privatschulen zahlt man kein Schulgeld. Aber alles andere kostet. Warum kostet eine Schultasche weit mehr als 100 Euro? Die darf doch vom Gefühl her nur 20 Euro kosten.

Ich bin froh, dass es Organisationen wie das Rote Kreuz gibt, die sich in Sachen Bildung bemühen, etwas auszugleichen, was die Politik verabsäumt. Es ist nur so unendlich traurig, dass das sein muss. Eigentlich sollte das nicht der Fall sein.

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