Warum es immer schwieriger wird, mit dem Einkommen auszukommen, wann Armut beginnt, warum sie stresst und was man dagegen tun kann erklärt die Armutsforscherin Prof. Dr. Heitzmann im Interview.
Obwohl Österreich ein reiches Land ist, waren schon vor der Corona-Pandemie mehr als 1,2 Millionen Menschen von Armut betroffen, mehrere Millionen bedroht. Wie wird Armut gemessen und wie sieht sie konkret in Österreich aus?
Armutsgefährdung wird auf Basis des (Haushalts) Einkommens gemessen. Wer weniger als 1.328 Euro pro Monat Einkommen hat, gilt als armutsgefährdet. Aktuell geht es aber mehr um die Frage, ob man mit dem Einkommen überhaupt auskommt. Das wird immer schwieriger, weil die Kosten für lebensnotwendige Dinge wie Heizen, Wohnen und Essen stark gestiegen sind. Davon sind momentan mehr Bereiche der Bevölkerung betroffen als üblich.
Und was bedeutet das im Alltag?
In vielen österreichischen Wohnungen wird es im Winter etwas zu kühl, damit die Heizkosten nicht zu hoch steigen, es werden billige Lebensmittel gekauft, die nicht immer die gesündesten sind und es ist kein Geld mehr für Extras wie Sozialleben, Kultur, Urlaub oder Lernhilfe da.
Wer ist davon besonders betroffen, und sind diese Menschen „selber schuld“?
Wir wissen seit vielen Jahre, dass wir in Österreich ein strukturelles Armutsproblem haben – also gewisse Gruppen sind immer bzw. immer wieder armutsgefährdet. Dazu kam dann die Coronakrise und die Lage für jene, die schon vorher Probleme hatten, hat sich drastisch verschlechtern.
Wer sind diese Gruppen und ist Armut eine Frage der Herkunft, des Alters oder Geschlechts?
Eindeutig. Menschen mit Migrationshintergrund haben eine deutlich höhere Armutsgefährdung. Auch Junge – also unter 18-Jährige – sind überproportional oft von Armut betroffen. Dasselbe gilt für alleinstehende Pensionistinnen. Die Armutsgefährdung liegt ihnen bei 18% im Gegensatz zu „nur“ 11% bei den männlichen Pensionisten in Einpersonen-Haushalten.
Warum trifft es besonders alleinstehende ältere Frauen?
Auch das ist ein strukturelles Problem. In unserer doch recht traditionellen Gesellschaft wird automatisch erwartet, dass Frauen die Kinder betreuen und daher auch oft nur in Teilzeit arbeiten. In einem System wie dem unseren, in dem man umso mehr „herausbekommt“ je mehr und je länger man „eingezahlt“ hat führt die jahrelange unbezahlte Care-Arbeit dann zu einer Mindestpension, von der man kaum noch leben kann. Man nennt das auch den „Pension pay gap“ zwischen Männern und Frauen. Dazu kommt, dass viele traditionelle Männerberufe besser bezahlt sind.
Welche Folgen hat Armut?
Armut stresst durch die ständigen Sorgen und die psychische Belastung. Armut macht krank und nicht zuletzt: Armut schließt aus. Ein Kind, dessen Eltern keine Geburtstagsfeier finanzieren können, wird auch nicht oft von anderen eingeladen und wird ausgeschlossen. Wir sprechen auch von Deprivation – das zeigt sich unter anderem durch einen Entzug von sozialen Kontakten. Auch der Mittelstand in Österreich merkt gerade, dass es zunehmend schwieriger ist, mit dem Einkommen auszukommen. Manches ist einfach nicht mehr möglich und das hat nicht zuletzt Auswirkungen auf das körperliche und seelische Wohlbefinden.
Kann man diese Kette durchbrechen bzw. ist Armut erblich?
Das ist individuell kaum zu durchbrechen. Es müssten sich die Rahmenbedingungen ändern. Also entweder höhere Einkommen oder gesenkte Kosten oder ein Ausbau des Unterstützungsangebotes. Die armen Kinder von heute sind die Armen von morgen und die armen Eltern von Übermorgen.
Wenn es ein strukturelles Problem ist, warum schämen sich Viele für ihre Armut und suchen oft erst recht spät Unterstützung?
Armut ist extrem mit Scham belegt. Natürlich gibt es individuelle Geschichten – vielleicht mit der einen oder anderen Fehlentscheidung – aber Armut ist ein strukturelles Problem. Das Vorliegen von Armut ist letztlich ein Qualitätsmerkmal des sozialpolitischen Programmes in einem Land. Durch sozialstaatliche Leistungen kann Armut verhindert oder bekämpft werden. Wenn sie bestehen bleibt oder es besondere Gruppen wie Kinder, Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die immer oder immer wieder armutsgefährdet sind, dann ist das ein Zeichen, dass der Sozialstaat nicht ganz so funktioniert, wie er funktionieren sollte.