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Frauenleiden und Männerschnupfen

Interview im Magazin "Mein Rotes Kreuz" Ausgabe Nr. 1, März 2023

Dr. Katharina Pils, Chefärztin des Österreichischen Roten Kreuzes im Gespräch.

Wie weit unser Geschlecht Einfluss auf unsere Gesundheit hat, lesen Sie in der Langversion des Interviews mit der Rotkreuz-Chefärztin Dr. Katharina Pils.

 

Warum hat das Geschlecht Einfluss darauf, welche Erkrankungen im Lauf des Lebens auftreten oder auftreten können, aber auch, ob sie erkannt und wie sie behandelt werden?

Männer und Frauen sind unterschiedlich - auch in Bezug auf das Auftreten von Erkrankungen, deren Symptome und Verlauf. Hier spielen zwei grundsätzliche Faktoren eine Rolle: Sex – das körperliche Geschlecht und Gender - das soziale Geschlecht.

Das körperliche Geschlecht betrifft nicht nur die äußeren Geschlechtsorgane, sondern vor allem auch die Hormone und die von ihnen gesteuerten Abläufe im Körper. Die bekanntesten sind Östrogene, Progesteron und Testosteron. Diese beeinflussen viele Organsysteme und führen zu offensichtlichen Unterschieden zum Beispiel in Körpergröße, Muskelmasse und Kraft, sowie Fett- und Wasserverteilung oder Behaarung. Hormone beeinflussen aber auch die Funktion des Herz-Kreislaufsystems oder der Nieren. Das Geschlecht, der Hormonstatus, die Konstitution und die Lebensstilfaktoren beeinflussen also das Risiko für Erkrankungen wie etwa Tumorerkrankungen, Gefäßerkrankungen oder Osteoporose.

Und was versteht man unter dem sozialen Geschlecht?

Das soziale Geschlecht wird von sozialen und kulturellen Einflüssen geprägt. Viele von ihnen wirken schon in der Kindheit und Vorbilder spielen eine große Rolle. Die Körperwahrnehmung, das Erkennen von Veränderungen, aber auch die Kommunikation über diese Veränderungen werden davon beeinflusst.

Was bedeutet das in der Praxis?

Frauen reagieren anders als Männer auf Schmerz, Beklemmungsgefühl und Atemnot. Sie holen sich später Hilfe. Entsprechend einem traditionellen Frauenbild wurde das durch die geforderten Aufgaben wie Kinderbetreuung, Haushalt oder geringere Bildung noch weiter beeinflusst. Gleichzeitig konnte ein Forscherteam aus Yale auch zeigen, dass die Reaktion des medizinischen Personals auf Schmerzen bei Männern und Frauen unterschiedlich ist. Frauen werden als schmerzempfindlicher und depressiver wahrgenommen.

Gibt es so etwas wie männlichen oder weiblichen Lebensstil?

Das soziale Geschlecht beeinflusst auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Essen, Genuss von Alkohol oder Drogen. Das trägt wesentlich zum Risiko für Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall bei. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in Zentraleuropa die Lebenskonzepte und sozialen Rollen von Männern und Frauen zwar angenähert, es gibt aber nach wie vor geschlechtsbedingte Unterschiede.

Dr. Katharina Pils, Chefärztin des Österreichischen Roten Kreuzes im Gespräch.

Waren für Sie als Ärztin auch Unterschiede bei der Erkrankung von Frauen und Männern in der COVID-Pandemie zu merken?

Erste Daten aus China haben uns gezeigt, dass Frauen zwar etwas häufiger erkrankt sind als Männer, dass aber Männer ein höheres Risiko hatten, an einer Covid-19 Infektion zu sterben. Vorerkrankungen wie Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Herzgefäß- oder Lungenveränderungen haben dabei die Sterblichkeit wesentlich beeinflusst.

Es scheint so zu sein, dass Frauen ein höheres Risiko für „Long-Covid“ haben. Das ist ein komplexes Krankheitsbild mit vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen, vor allem aber einer ausgeprägten Erschöpfung.

Und die gesellschaftlichen Auswirkungen von Corona?

Corona hat auch zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt. Wie heuer in „The Lancet“ publiziert, haben mehr Mädchen als Buben die Schule abgebrochen, mehr Frauen ihre Arbeit verloren – denn sie mussten für die Kinderbetreuung zu Hause bleiben. Das hatte einen wesentlichen Einfluss auf den sozialen Status, das Frauenbild, die Sicherheit und das Einkommen. Gleichzeitig waren Gesundheitseinrichtungen schlechter verfügbar. Das hat insgesamt zu einer sozialen und gesundheitlichen Verschlechterung der Frauen geführt.

Was kann jede oder jeder Einzelne tun? Gibt es Unterschiede in der Gesundheitsvorsorge?

Für alle gilt: ein gesunder Lebensstil und eine gestärkte Persönlichkeit sowie frühes Erkennen von individuellen Risikofaktoren und gezielte Maßnahmen führen zum Erfolg. Freude an regelmäßiger Bewegung und ausgewogene Ernährung sind dabei wichtige Faktoren genauso wie die gezielten Prävention - dazu gehören Hygiene, Zahngesundheit und Impfungen. Gehen Sie regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen bzw. bei auftretenden Problemen rechtzeitig zum Arzt.

 

Zur Person:

Dr. Katharina Pils ist Chefärztin des Österreichischen Roten Kreuzes und Institutsvorstand für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Klinik Landstraße. Die erfahrene Gerontologin engagiert sich unter anderem dafür, dass gesundheitliche und soziale Betreuung eng ineinandergreifen.

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