Wir sind da Ö Österreich

„Wir brauchen ein Umdenken“

Interview im Magazin "Mein Rotes Kreuz" Ausgabe Nr. 1, März 2022

Virologin Dorothee von Laer
Dorothee von Laer. Fotocredt: Florian Lechner

Ständig nur Egoismus? Diese Philosophie wird uns nicht tragen, sagt die Virologin Dorothee von Laer. Über Fake-News, die Politik und positive Momente in der Pandemie.

 

Sie hatten sich als Virologin schon auf den Ruhestand vorbereitet, dann kam Corona. Wie hat das ihr Leben verändert?

Ich war auf Altersteilzeit und hatte mir eine Reitanlage im Burgenland zugelegt, um mein Hobby mit Pferden intensiver zu betreiben. Dann waren wieder 60-80 Stunden Wochen angesagt. Seitdem wurstle ich mich in der Reitanlage so durch.

Hat sich Österreich mehr schlecht als recht durch die Corona-Krise gewurstelt?

Nein. Ich finde Österreich steht nicht schlecht da. Wir haben relativ an der Bevölkerung weniger Corona-Tote als in anderen Ländern. Wir haben früh eine Teststrategie eingeführt und mit der 2G-Regelung begonnen. Auch mit der Booster-Kampagne steht wir jetzt, im Jänner, ganz gut da. Natürlich sind auch viele Fehler diskutiert worden, dass im Sommer zum Beispiel zu früh Entwarnung gegeben wurde. Aber in diese Kerbe muss ich nicht auch noch hauen.

Was hat Ihnen Kraft gegeben?

Es gibt Menschen, die sich bedanken, dass ich virologische Zusammenhänge verständlich erkläre. Das ist ein Lichtblick. Unser Team an der Universität Innsbruck hat mir viel Kraft gegeben. Und es gibt Kraft, wenn man sieht, wie die Politik auf Expertise reagiert. Umgekehrt ist es schon frustrierend, Sprüche zu hören wie: Die Virologen wollen uns ja alle nur einsperren; Und wenn an manchen Stellen Dinge ganz dummdreist vorbei an den Tatsachen laufen.

Belasten Sie die Angriffe gegen ihre Arbeit und ihre Person?

Meine Kollegen und ich sind alle sehr belastet von den Fake-News und diesem Unsinn, der überall kursiert und mit hart erkämpfter wissenschaftlicher Erkenntnis gleichgesetzt wird. Aber zum Glück ist man nicht alleine. Wir leiden alle gemeinsam.

Waren Sie auch von der Dimension der Angriffe überrascht?

Mein Glauben an eine vernunftgetriebene Gesellschaft ist gänzlich verloren gegangen. Die Mehrheit bringt unheimlich hohe Oper für die Unvernunft einer Minderheit, das ist frustrierend. Menschen, die nicht zur Selbstreflexion fähig sind, wären früher nicht zu Wort gekommen. Jetzt bekommen sie durch die sozialen Medien eine Plattform und fühlen sich vereint. Sie denken alles, was sie da schreiben, hätte denselben Wert wie die Worte von jemandem, der das seit 35 Jahren macht. Mich deprimiert das alles wahnsinnig – dass alles so auseinanderfällt und nicht mehr klar zu sein scheint, was richtig und falsch ist, wer zu bestimmten Sachfragen die Sachkenntnis hat. Auch bei der Unterscheidung zwischen Meinungen und Tatsachen geht es ja wild durcheinander.

Manche Menschen haben den Eindruck, die Wissenschaftler sind sich manchmal selbst nicht ganz einig.

Auch wenn sie sich manchmal widersprechen ist das nur ein Zeichen von absoluter Ehrlichkeit und dem Ringen um die Wahrheit, weil es manchmal ein wenig dauert, bis Klarheit herrscht. Aber das endet mit einer wissenschaftlichen Erkenntnis, die hart errungen ist. Wissenschaftler leben dafür, die Sachen zu verstehen und herauszufinden, wie die Natur funktioniert. Das ist eine sehr, sehr anstrengende Sache. Wenn ein Olympionike seine 100 Meter läuft, käme auch keiner, der am Wochenende ein bisserl joggt, auf die Idee da mitlaufen zu wollen. Das muss man einfach sagen – sorry. So muss man Wissenschaftler auch sehen. Die machen nichts anderes, aber in ihrem Fach wissen sie wirklich Bescheid.

Warum haben Vernunft und Menschlichkeit so einen schweren Stand gegen Emotion und Egoismus? Ist das ein Phänomen unserer Zeit?

Ja, da spreche ich als Bürgerin. Der neoliberale Kapitalismus baut seinen Erfolg auf dem Egoismus auf. Die Menschen hatten lange keine Krisen mehr, in denen sie lernen konnten, dass Zusammenhalt wertvoll ist, und man nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen sollte. Der Respekt vor der Leistung anderer gilt nichts mehr. Am besten mit wenig Arbeit viel Geld verdienen! Diese Philosophie wird uns langfristig nicht tragen. Nicht durch die Pandemie und nicht durch die Klimakrise. Da muss ein Umdenken stattfinden.

Und wie?

Ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir lernen, manchmal auch mit weniger glücklich zu sein, dass die Allgemeinheit und die Natur einen Wert an sich haben und auch mal höher zu setzen sind als die ständige Selbstverwirklichung.

Wie läuft es in ihrer Forschung mit den anderen Viren, die in der Krebsforschung Tumore zerstören?

Mäuse und Kaninchen haben wir schon geheilt, jetzt geht es an den Menschen. Ich habe die Methode an ein großes Unternehmen auslizenziert, die das vorantreiben. Im Laufe des Jahres werden erste Ergebnisse vorliegen.

Man könnte also dem großen Ziel, Krebs heilbar zu machen, einen Schritt näher zu kommen?

Ja, ein Schritt ist wahrscheinlich richtig.

Zur Person:
Dorothee von Laer (63), seit 2010 Professorin für Virologie an der Universität Innsbruck. Geboren in Hamburg. Forscht zum Einsatz von Viren in der Krebstherapie.

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