E-Mail aus Kiew: Bericht von Jürgen Högl
Jürgen Högl ist als Einsatzleiter für das Österreichische Rote Kreuz in Kiew tätig und damit für die österreichische Delegation des Roten Kreuzes in der Ukraine zuständig.
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Als am 24. Februar 2022 um 05:30 Uhr das Telefon klingelte ist das wahr geworden, was wir als Europäer_innen und Rotkreuz-Mitarbeiter_innen nach den Entwicklungen in den Monaten zuvor zwar befürchtet, aber einfach nicht glauben wollten: Konflikt in Europa und das in einer Dimension, die unsere schlimmsten Befürchtungen übertraf. Drei Monate später ging ich für das ÖRK in die Ukraine, um die Kolleg_innen, die in der ersten Phase in der Ukraine gearbeitet haben, abzulösen. Als Einsatzleiter übernahm ich vor Ort die größte internationale Hilfsaktion in der Geschichte des ÖRK.
Es war ein intensives Jahr in der Ukraine. Ein Jahr, an dem kein Tag ohne Blutvergießen und Leid vergangen ist. Ein Jahr, in dem wir als humanitäre Helfer jeden Tag neue Herausforderungen bewältigen mussten. Ein Jahr, wo wir dazu beigetragen haben, den Menschen hier zu helfen, diesen Konflikt zu überstehen. Du weißt nie, was morgen passieren wird. Wir planen voraus, müssen aber immer damit rechnen, dass die Situation sich völlig anders entwickelt, als von uns erwartet. Du brauchst immer „Plan B“ und „Plan C“, um auf möglichst viele Szenarien vorbereitet zu sein. Aus der Hilfe, die ankommt, aus den gelösten Herausforderungen, schöpfst du die Energie, die dich weiter antreibt.
Das Leben der Menschen in der Ukraine ist meiner Wahrnehmung nach von drei dominanten Gefühlen geprägt: Angst - vor dem was morgen sein wird. Verlust - ob all des Todes und der Zerstörung. Und dem unbändigen Willen, das alles durchzustehen und eine Zukunft zu schaffen, in der es wieder „normal“ sein wird. Ich habe tiefen Respekt vor den Menschen in diesem Land, die nicht aufgeben, die ihre Herzlichkeit bewahrt haben und die versuchen, in dieser abnormalen Zeit, ein möglichst normales Leben zu führen. Manchmal könnte ich in Kiew fast glauben, es wäre Frieden, so sehr haben die Menschen ihren Alltag an die Lage angepasst - wenn da nicht die Sirenen wieder heulen würden.
Die Menschen in der Ukraine erzählen dir von ihren persönlichen Schicksalsschlägen, die sie durch den Konflikt erleben mussten – Schicksale, die auch mir als langjährigem Katastrophenhelfer ans Herz gehen: Wenn der junge Mann an der Tankstelle erzählt, dass er diese Woche zwei gefallene Freunde begraben hat. Wenn eine ukrainische Kollegin während einer Hilfsgüterverteilung ihr Leben in einen Angriff verliert. Wenn wir durch die Ukraine fahren, und an viel zu vielen frischen Gräbern auf den Friedhöfen vorbeikommen. Wenn die alte Frau in der Flüchtlingsunterkunft erzählt, dass sie mit 82 Jahren zum ersten Mal ihre Heimatregion verlassen hat, weil ihr Haus zerstört wurde.
Der Austausch mit den Kolleg_innen aus dem Team ist dabei enorm wertvoll. Gemeinsam haben wir viele Stunden in Schutzräumen gearbeitet, hatten Tage, an denen uns der Schlafmangel allen anzusehen war, und waren 24 Stunden, 7 Tage die Woche „on duty“. Auch wenn wir manchmal an die persönlichen Grenzen stoßen, schweißt das zusammen und bringt uns dazu, die eigenen Kapazitäten neu auszuloten. Wissend, dass wir für die Menschen in Not da sind und dass wir dazu beitragen müssen, ihr Überleben zu sichern, ihre Würde zu wahren, und ihnen vielleicht auch ein wenig Hoffnung zu geben.
Eine der für mich wichtigsten Lektionen in diesem Einsatz: Das Team macht den Unterschied. Du bist stärker, wenn dein Team stark ist. Gemeinsam sind Dinge machbar, die dem einzelnen unmöglich erscheinen. Und das Team trägt sich gegenseitig. Danke, Team – ihr seid genial!
Ich weiß noch nicht, wohin mich mein nächster Einsatz führen wird. Was ich weiß, ist dass der Einsatz in der Ukraine mich noch lange begleiten wird. Es wird wohl viele Jahre dauern, bis der Wiederaufbau in der Ukraine abgeschlossen sein wird, und noch länger, bis die Wunden, die der Konflikt in den Körpern und Seelen der Menschen in der Ukraine geschlagen hat, verheilt sein werden. Ich wünsche ihnen all die Kraft, die sie dazu brauchen!
Unterstützen Sie die Rotkreuz-Hilfe in der Ukraine mit Ihrer Spende: www.roteskreuz.at/ukraine